Pläne für Bebauung des Darmstädter Nordens

„Flächenfraß“ gegen Natur und Landwirtschaft

Die Stadt Darmstadt hat in ihrem Masterplan DA 2030+ die Gebiete Arheilgen-West und Wixhausen-Ost als potenzielle Flächen zur Bebauung ausgewiesen. Die Begründung, damit eine klare Stadtkante zu schaffen, erscheint nichtssagend. Bisher werden die genannten Flächen weitgehend landwirtschaftlich genutzt und sind damit auch für die Vogelwelt noch lebendig.

 

Gegen die Bebauungspläne regt sich zunehmender Widerspruch. Landwirte fürchten um ihre Existenz, Naturschützer um die gefährdeten Brutgebiete von Kiebitz, Feldlerche und weiteren Vögeln. Es ist nicht zu verstehen, was an diesen Vorhaben ökologisch oder klimaneutral sein soll. Wir empfehlen allen dem Naturschutz verbundenen Darmstädtern daher die Unterzeichnung einer Petition, die sich gegen diese Pläne ausspricht (Link):

Unsere Gründe für die Unterstützung der Petition

Naturschutz und Klimaziele gehören zusammen

 

Naturschutz und Maßnahmen gegen den Klimawandel lassen sich heute nicht mehr als unterschiedliche Aufgaben begreifen. Die Erderwärmung verändert die Lebensbedingungen für Mensch, Tier- und Pflanzenwelt auch in unserer Region. Ihre Folgen sind noch nicht annähernd abzusehen. In Darmstadt und Umgebung sind es vor allem die zunehmenden Trockenphasen und außergewöhnlichen Wetterereignisse, die sich negativ bemerkbar machen. Mit zunehmender Versiegelung, wie sie zwangsläufig mit weiterer Bebauung verbunden ist, wird Natur zerstört und den Klimazielen entgegengewirkt. Hingegen helfen Ackerland und Grünland bei der CO2-Bindung, sofern Gülle und Stickstoffdünger reduziert werden. Regenwasser gelangt in die Böden und fördert auch die Grundwasserbildung, anstatt durch Kläranlagen in die Flüsse geleitet zu werden. Hitzeperioden werden abgemildert, während Gebäude Wärme auch noch in Sommernächten abstrahlen. Hinzu kommen die Auswirkungen von mehr Verkehr und andere Emissionen.

 

Nachhaltige Zerstörung einer besonderen Vogelwelt

 

Trotz der Nähe der Ortsteile Wixhausen und Arheilgen haben die vergangenen Jahre gezeigt, dass die bewirtschafteten Wiesen und Äcker für viele Vögel noch attraktiv sind. Dies wissen wir aus gesammelten Daten ehrenamtlicher Beobachter/innen. In jedem Jahr tauchen die Kiebitze zwischen Wixhausen und Arheilgen auf, welche auf den Flächen nach Brutplätzen suchen. Feldlerchen brüten regelmäßig erfolgreich. Beide Arten stehen auf der Liste der gefährdeten Vogelarten und sind auch in diesem Frühjahr wieder vor Ort. Nachtigallen, verschiedene Grasmücken-, Finken- und Meisenarten brüten regelmäßig in den Gebieten. Rauchschwalben und Rotmilane besuchen sie um zu jagen. Nur für kurze Zeit dürfte der Kuckuck auffallen, der seine Eier den Rohrsängern im Schilf in die Nester legt. Bei einer einmaligen gezielten Begehung wurden außerdem mehrere Steinkäuze ermittelt. Die meisten dieser Arten würden durch die Bebauung für immer vertrieben. Da ihre Lebensräume generell abnehmen, ist ein Ausgleich eine Illusion.

 

Weitgehend tote Räume für die Natur in Gewerbegebieten

 

 

Wenn Herr Partsch in seiner Funktion als OB im Darmstädter Echo darauf hinweist, dass alles rechtskonform nach dem Baugesetzbuch (BauGB) abgewickelt werden soll, unterschlägt er, dass dieses Gesetz dem Schutz der Natur und den Klimazielen kaum verpflichtet ist. Die Erfahrungen mit der Umweltverträglichkeitsprüfung und den Ersatzmaßnahmen für die Natur sind oftmals frustrierend. In jedem Fall verringert sich die Fläche, welche der Natur zur Verfügung steht. Die Menge der Eingriffe und deren Folgen lassen sich kaum effektiv kontrollieren. Gewerbebetriebe versiegeln oft aus Kostengründen durch ihre eingeschossige Bauweise und großzügige Parkplätze erhebliche Flächen. Auch wenn diese zeitweise nicht gebraucht werden, sind sie für die Natur verloren.

 

Natürlich sind wir uns bewusst, dass der aktuelle Trend, immer mehr Plastikfolie auf den Feldern zu verteilen und zusätzlich Folientunnel in die Landschaft zu setzen, dem Lebensraum auch nicht zuträglich ist. Doch Folien lassen sich kurzfristig abbauen, während die Bebauung zumindest für Jahrzehnte den Naturraum besetzen.

 

 

Trend zu regionalen Produkten fördern

 

 

Erkennbar ist, dass Verbraucher/innen immer positiver gegenüber regionalen Produkten eingestellt sind. Der Direktverkauf ist ebenfalls im Trend. Damit werden Transporte verringert und die Klimaziele unterstützt. Bei frischen Lebensmitteln ist damit auch noch eine Qualitätsverbesserung verbunden. Die Landwirtschaft am Rande der Stadt bringt auch hier ökologische Vorteile, die uns wichtig sein sollten. Den Hinweis des Oberbürgermeisters, dass Enteignungen landwirtschaftlicher Grundstücke nur als letztes Mittel zum Einsatz kommen, kann von den Landwirten nur als Drohung verstanden werden.

 

Fraglicher Bedarf an Flächen für Gewerbe

 

 

Boden wird in Deutschland zunehmend ein knappes Gut. Er lässt sich nicht beliebig vermehren und Grundbesitz wird daher immer mehr zum Spekulationsobjekt, besonders in Ballungsgebieten. Die Ergebnisse von Bedarfsstudien dürfen wir deshalb generell mit Skepsis betrachten. Für die Konversionsflächen, also die ehemals militärisch genutzten Flächen in Darmstadt sind die Planungen noch nicht abgeschlossen. Welche Absicht zwingt den Magistrat und die Stadtverordnetenversammlung dann aber zu weiteren Bebauungsplänen? Derzeit werden zudem Szenarien für die Zukunft unserer Wirtschaft in Zeiten nach Covid erörtert. Frühere Prognosen sind heute in Frage zu stellen. Niemand kann vorhersagen, wie sich der Immobilienmarkt verändern wird durch Pleiten, Homeoffice oder Digitalisierung. Gerade mit der Digitalisierung wird es immer weniger erforderlich, Betriebe in Ballungsgebieten zu konzentrieren. Eine Zunahme des Leerstands von gewerblichen Gebäuden ist zu erwarten.

 

 

Resümee

 

Die Zerstörung von landwirtschaftlichen Flächen im Darmstädter Norden ist im Hinblick auf den Klimawandel und auch aus Sicht des Naturschutzes abzulehnen. Die Pläne folgen der Strategie des „Weiter-wie-bisher“ in der Versiegelung unserer Landschaft. Sie sind keine Antwort auf die Herausforderungen des Klimawandels. Durch den Verzicht auf die Bebauung des landwirtschaftlichen Gebiets in Darmstädter Norden würde eine erhebliche und nachhaltige Verschlechterung unterbleiben. Allerdings wären aus Sicht des Naturschutzes noch weitere Verbesserungen erstrebenswert, um den Wert der Lebensräume für Vögel zu erhöhen.

 

Silz mit Ursprung im Darmstädter Ostwald, hier an der Lerchesmühle in Arheilgen
Silz mit Ursprung im Darmstädter Ostwald, hier an der Lerchesmühle in Arheilgen